KUNST »This is not by me!«
Der Kunstmarkt
Kann man Kunst, die im Netz existiert, besitzen? Mit ihr handeln? Geld verdienen? 1999 stellte der amerikanische Künstler und Kurator Richard Rinehart erstmals ein Onlinekunstwerk bei eBay zur Versteigerung ein.
Er erzielte damit 52,50 Dollar. Rinehart gehört zu den zahlreichen Internetkünstlern, die sich Gedanken darüber machen, wie sie von ihrer Kunst leben können. Zwar gibt es Online galerien, die virtuellen Ausstellungsraum zur Verfügung stellen, also Speicherplatz, und vor allem Aufmerksamkeit. Doch mit realer Währung tun sich diese Plattformen schwer. Oft suchen sie Ankerpunkte in der physischen Welt.
Sie zeigen webbasierte Installationen, veranstalten Performances und reale Ausstellungen. So widmete die New Yorker Postmasters Gallery Eva und Franco Mattes 2007 eine Einzelausstellung für großformatige Drucke einer Serie von Avatar-Porträts. Es lohnte sich. Die Mattes verkauften Dutzende ihrer Bilder (oben) zu 10000 Dollar das Stück. Reine Netzkunst hingegen stellt Sammler und Mäzene vor Probleme. Richard Rinehart engagiert sich inzwischen in dem Forschungsprojekt Archiving the Avant-Garde. Der Zusammenschluss amerikanischer Museen und Künstler will Antworten auf die für den Markt und natürlich für die Künstler entscheidende Frage finden: Wie lässt sich Netzkunst konservieren?
Spaß-Guerilla-Art
Künstlerische Onlineprojekte eint oft der Spaß an der Rebellion.
Vordergründig wirken manche wie moderne Max-und-Moritz-Streiche.
Die Künstlergruppe bitnik.org verwanzte im Frühjahr 2007 die Züricher Oper, um deren Aufführungen ins Telefonnetz einzuspeisen. Hunderte Schweizer kamen so unerwartet zu einem kulturellen Hochgenuss, bis das Opernhaus nach Wochen, während derer es nach den Wanzen suchte und der Gruppe wegen finanzieller Schädigung mit dem Anwalt drohte, wieder für Ruhe im Netz sorgte. Wer bis dahin den Spaß gemeinsam mit anderen oder außerhalb der Vorführungen erleben wollte, konnte ins legendäre Züricher Cabaret Voltaire gehen, wo ausreichend Telefonhörer von der Decke hingen, durch welche die Aufführungen permanent zu hören waren (rechts).
Die Betreiber von ubermorgen.com organisierten via Internet den Verkauf von Wählerstimmen. Der tiefere Sinn: Die Netzkünstler wollen auf die Grenzen des internationalen Rechts und der Demokratie hinweisen.
Zum Ziel solcher Guerilla-Art werden häufig etablierte Institutionen aus der Wirtschaft. Der Onlinebuchhändler Amazon erlebte eine Kunstattacke - ein Programm, mit dem Amazon kurze Einblicke in Bücher gewährt, wurde von Netzkünstlern so modifiziert, dass das ganze Buch lesbar wurde.
Auch der Kunstbetrieb selbst wird gerne ins Visier genommen. Die Kunsthalle Hamburg richtete 1997 einen der ersten Internetkunst- Wettbewerbe aus. Die Künstlerin Cornelia Sollfrank erfand aus diesem Anlass Dutzende von Künstlerinnen-Biografien inklusive virtueller Werke und sandte entsprechende Bewerbungen ein. Die Kunsthalle freute sich über die rege Beteiligung von Frauen. Dass sehr viele davon Aliasse von Frau Sollfrank waren, erfuhren die Anwesenden erst während der Preisverleihung.
Digitale Ästhetik
Die Linzer Ars Electronica, ein Festival, das sich bereits seit 1979 mit den künstlerischen Möglichkeiten der Digitaltechnik auseinandersetzt, präsentiert und prämiert jedes Jahr Computeranimationen und digitale Filmkunst. Darunter sind hochästhetisierte Ergebnisse wie der Film Codehunters von Ben Hibon, eine apokalyptische Science-Fiction- Geschichte, in der das Gute über außerirdisches Übel siegt (links). Zwar werden Beiträge der Ars Electronica auch offline präsentiert Codehunters, Gewinner des Prix Ars Electronica vom vergangenen Jahr, lief schon auf Filmfestivals , die Ästhetik dieser digitalen Kunst aber beeinflusst die Darstellung von Onlinespielen und Onlinewelten, also unsere virtuelle Alltagskunst, erheblich.
Visualisierungen
Die übliche Metapher für die Unmengen an Informationen im Internet lautet »Flut«. Ebendiese visualisiert Michael Bielicky in seinem Werk The Falling Times (rechts oben): Illustrationen, Fotos und Piktogramme, die von oben nach unten am Betrachter vorbeiziehen, stehen für aktuelle News von Webseiten weltweit. Man kann sie anklicken und lesen oder vorbeirauschen lassen.
Die Informationsfülle des Internets sowie die Vernetzung selbst sind häufig Thema künstlerischer Arbeiten. Manchmal, wenn es um das Sichtbarmachen von Daten- strömen geht, ähneln sie wissenschaftlichen Schaubildern.
Bielicky geht noch einen Schritt weiter und lädt den Besucher des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, wo seine Installation derzeit gezeigt wird, dazu ein, selbst aktiv zu werden.
Er soll vom Betrachter der Kunst zu ihrem User werden. Der nimmt teil am Kunstwerk, indem er in der Ausstellung Stichworte vorgibt, nach denen sich die Nachrichtenströme sortieren so, wie er täglich zu Hause an seinem Rechner auswählt, welche Neuigkeiten und Nachrichten er konsumiert.
Copy-Art
Die Website Alt.culture.org (rechts, zweites Bild von unten) wirkt wie eine Collage, denn sie setzt sich aus Inhalten und Bildern zusammen, die aus anderen Websites herauskopiert wurden. Das geschieht nicht von Hand, sondern wird von Programmen erledigt, den Net.art-Generatoren.
Cornelia Sollfrank hat den ersten Generator Ende der neunziger Jahre geschaffen. Als sie die Serie Flowers von Andy Warhol als Material für ihren Netzkunstgenerator nutzen wollte, schritten Anwälte des beteiligten Museums ein, weil sie Klagen der Warhol-Stiftung fürchteten. Dabei hatte sich schon Warhol mit der Frage nach dem Rechteinhaber auseinandergesetzt: Eine Reihe seiner Drucke signierte er mit »This is not by me«.
Netzperformance
Das Künstlerduo Eva und Franco Mattes inszeniert regelmäßig Performances im Internet und nutzt dazu die Plattform Second Life. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt kann sich, wer teilnehmen möchte, dort einloggen. Oder er geht zu einem der realen Orte, an denen das Netz-Geschehen auf Monitore übertragen wird. Das Bild (links, zweites von oben) ist die virtuelle Nachstellung einer bekannten Performance mit dem Titel Seeedbed, die der Installationskünstler Vito Acconci im Jahr 1972 in der New Yorker Sonnabend Gallery vollzog: Acconci legte sich unter einen eigens eingezogenen Holzboden und masturbierte, während er über Lautsprecher den Besuchern der Galerie, die sich über ihm auf dem Holzboden befanden und ihn nicht sehen konnten, seine Gedanken und Fantasien mitteilte.
Mit der virtuellen Neuinszenierung auf Second Life im vergangenen Jahr wollte das Mattes-Duo darauf hinweisen, dass nirgendwo mehr Privates öffentlich zugänglich gemacht wird als im Internet.
Der etablierte Kunstbetrieb
Im Jahr 2002 entwarf der amerikanische Netzkunst- Pionier Mark Napier net.flag (links unten). Es war eines von zwei Online-Kunstwerken, die erstmals von einer renommierten Kunstinstitution geordert worden waren, dem New Yorker Guggenheim Museum. Bis heute werden net.flag und die zweite Arbeit, John F. Simons Unfolding Object aus demselben Jahr, im virtuellen Teil des Guggenheim Museum ausgestellt.
Das Netz hat Kuratoren nicht nur vor die Frage gestellt, wie man bestehende Sammlungen online präsentieren, sondern auch, wie man Internetkunst ins Museum aufnehmen soll. Diese zweite Frage ist weitaus kniffliger als die erste. Reine Netzkunst-Arbeiten sind in Museen noch die Ausnahmen. Häuser, die sich der zeitgenössischen Kunst widmen, zeigen inzwischen jedoch regelmäßig digitale Installationen, die mit Netztechnik funktionieren, dazu meist aber auch Elemente im physischen Raum haben.
www.guggenheim.org/internetart
Internetkunst des Guggenheim Museums
www.ubermorgen.com Netzkünstler, die zum Teil durch den Verkauf von Wählerstimmen auf sich aufmerksam machen
www.artwarez.org Informationen über die Netz- und Konzeptkünstlerin, Cyberfeministin und Hackerin Cornelia Sollfrank
www.0100101110101101.org Site von Eva und Franco Mattes
ZEIT ONLINE
Net-Art: Zwischen Musealisierung und Digitalisierung Tendenzen zeitgenössischer Netzkunst
www.zeit.de/netzkunst











